Zukunftserwartung

Liebe Schwestern und Brüder, „Alles wird immer schlimmer!“ – mit diesen vier Worten lässt sich die Zukunftserwartung vieler Zeitgenossen zusammenfassen. „Man hört und liest ja überall nur schlechte Nachrichten und Prognosen.“ Letzteres ist richtig, allerdings ist diese umfassend negative Wahrnehmung der Wirklichkeit schlicht und einfach in den Grundgesetzen des Journalismus begründet, nach denen positive Ereignisse und gute Entwicklungen keinen Spannungseffekt haben und damit nicht berichtenswert sind, negative Schlagzeilen aber mit hoher Sicherheit Aufmerksamkeit generieren. Natürlich sind kritische Berichterstattung und Recherche sehr wichtig, der Kollateralschaden eines nur auf Negativentwicklungen ausgerichteten Journalismus ist dennoch beträchtlich.

So ist es keine Meldung wert, dass seit 1990 die Zahl der Menschen, die weltweit in extremer Armut leben, um 1,4 Milliarden gesunken ist und der Trend anhält, dass die letzte große Hungersnot inzwischen 15 Jahre zurückliegt, dass das Risiko, durch Verbrechen, Unfälle oder Naturkatastrophen umzukommen, heute so niedrig ist wie nie zuvor. Und ebenso ist in Deutschland die Arbeitslosigkeit auf einem historischen Tiefstand, die Ausgaben für Bildung dagegen auf einem Allzeithoch. Weltweit werden wir um unser Gesundheitssystem, um unsere Theater und Orchester und um vieles Andere beneidet. Viele große Trends weisen in eine positive Richtung. Dennoch sind in Umfragen je nach Fragestellung bis zu 80 % der Befragten der Meinung, dass alles immer schlimmer wird, während gleichzeitig ca. 80 % angeben, dass es in ihrem persönlichen Umfeld sehr gut aussieht.

Die Adventszeit ist jedes Jahr die „Zeit der Erwartung“. Und anders als im Kaufhauslichterglanz werden in den biblischen Geschichten des Advents durchaus keine schöngefärbten Bilder gemalt: Die apokalyptischen Motive am 1. Adventssonntag, die Buß- und Umkehrpredigt Johannes des Täufers, der erzwungene Weg von Josef und Maria nach Bethlehem, wo sie dann niemand aufnehmen will – wir Christen nehmen die Welt auch mit ihren Schattenseiten wahr. Aber gleichzeitig ist die Adventszeit auch voll von biblischen Hoffnungsmotiven, von Aufbruch und Zuversicht, von der Erwartung des kommenden Retters. „Erwartung“ ist im christlichen Advent etwas durch und durch Positives.

Vielleicht schaffen wir es ja, den Negativerwartungen unserer Zeitgenossen ab und zu die positive Grunderwartung entgegenzusetzen, zu welcher uns der Advent ermutigt. Grund genug dafür gibt es – auch diesseits der Bibel.

Ihr Pfarrer Michael Gehrke