Namen

 

Liebe Schwestern und Brüder,

bei unserer Geburt haben wir einen Namen bekommen. Unsere Eltern haben ihn für uns ausgewählt, weil er eine Bedeutung für sie hatte oder weil sie ihn schön fanden. Seitdem leben wir mit diesem Namen, meistens ganz selbstverständlich, ohne groß darüber nachzudenken.

In vielen Kulturen und Religionen gibt es den Brauch, dass man seinen eigentlichen Namen erst nach der Kindheit erhält, oft im Rahmen eines Ritus der Aufnahme in die Welt der Erwachsenen. Bei den Indianern und anderen Naturreligionen ist das mit harten Bewährungsproben und einer tiefinneren Suche nach dem eigenen Wesenskern verbunden – dabei wird irgendwann der „eigentliche Name“ wahrgenommen, der Name, der etwas Wesentliches über die eigene Person des nun Erwachsenen aussagt. In unserer katholisch-christlichen Tradition ist der „Firmname“ etwas Entsprechendes: Wenn junge Menschen sich auf dem Hintergrund ihres von den Eltern übernommenen Glaubens auf die Suche nach ihrem ganz persönlichen Christsein machen, dann gehört dazu auch die Suche nach einem „neuen Namen“, normalerweise im Hinblick auf eine Heilige oder einen Heiligen, der die Schwerpunkte des vom Jugendlichen gesuchten und gefundenen persönlichen Christseins auf besondere Weise verkörpert. Ein so gefundener Firmname kann für einen mit der Firmung dann ja geistlich erwachsenen jungen Christen ein guter Ausdruck seiner ganz persönlichen christlichen Identität sein. Und gleichzeitig ist er „viel größer“, als der momentane eigene Glaube – man kann mit den Jahren immer weiter in ihn „hineinwachsen“.

Die Namen der drei Gemeinden und Kirchen in Johannstadt, Striesen und Zschachwitz haben unsere Vorväter und -mütter im Glauben vor 90 bis 120 Jahren ausgesucht: „Herz Jesu“, „Mariä Himmelfahrt“ und „Heilige Familie“. Mit ihnen leben wir und mit ihnen identifizieren wir uns als Pfarrgemeinden – ähnlich wie wir es als einzelne Menschen mit unseren Vornamen tun.

Unter veränderten Rahmenbedingungen werden wir als diese drei Gemeinden in Zukunft eine gemeinsame Pfarrei bilden – und dadurch haben wir die Chance, uns selbst einen neuen gemeinsamen Namen zu suchen. Es soll ein Name sein, ähnlich wie der Firmname, der von einem oder einer Heiligen getragen wurde, welcher bzw. welche mit der Art seines oder ihres Christseins für das steht, was uns als den drei katholischen Gemeinden im Dresdner Südosten im Glauben heute wichtig ist. So ist die Suche nach diesem neuen Namen – dem „Patrozinium“ unserer zukünftigen Pfarrei – gleichzeitig eine Herausforderung zur Suche nach unserer eigenen heutigen Identität im Glauben.

 

Dass diese gemeinsame Suche in den kommenden Monaten ein für uns alle geistlich fruchtbarer Prozess werde, das wünscht Ihnen und uns allen von Herzen


Ihr Pfarrer Michael Gehrke