Liebe Schwestern und Brüder,

auf vielfältige Weise waren wir als katholische Christen in den vergangenen Monaten intensiv mit den Missbrauchsverbrechen durch Priester unserer Kirche an Kindern und Jugendlichen konfrontiert. So schmerzhaft das für uns ist – es ist gut, dass diese Dinge nun öffentlich diskutiert werden.

Für all das verantwortlich sind natürlich die Täter und diejenigen, die in kirchenleitenden Positionen solche Verbrechen vertuscht haben. Aber auch als an diesen Taten nicht beteiligte Gemeindeglieder, kirchliche Angestellte oder Priester erleben wir, wie wir sei- tens der Öffentlichkeit oder auch im Kollegen-, Bekannten- und Freundeskreis in eine Mithaftung genommen werden: „Das ist doch Eure Kirche …!“ Das ist für viele Kirchenmitglieder schmerzhaft und eine ernste Herausforderung an das eigene Selbstverständnis als katholische Christen. Dass manche vor diesem Hintergrund ihre Kirchenzugehörigkeit infrage stellen, ist durchaus verständlich. Wir müssen uns als ganze Kirche mit den bei uns geschehenen Taten auseinandersetzen. Das ist ein Thema auch über die 40-tägige Zeit der Umkehr und Buße hinaus.

Vier Dinge sehe ich dabei als wesentlich an: Das  erste  ist  eine  unbedingte  Wahrhaf- tigkeit. All dem, was geschehen ist, müssen wir in seiner Furchtbarkeit ins Auge schauen. Wir müssen die Erfahrungsberichte von Missbrauchsüberlebenden an uns heranlassen. Dabei verbieten sich Verharmlosungen aller Art. Und es ist die Verantwortung jedes Einzelnen, sich authentisch zu informieren über die Tatsachen, Zusammenhänge, missbrauchsbegünstigende Faktoren und Täterstrategien.

Das zweite ist der Vorrang der Opfer: Die Menschen, die manchmal vor vielen Jahrzehnten sexuellen Missbrauch erlitten haben, sind davon für ihr ganzes Leben gezeichnet. Sie müssen ernst genommen werden. Und in allem Umgang mit den Missbrauchstaten ist die Frage entscheidend, was ihnen in ihrer heutigen Lebenssituation gut tut.

Das dritte ist unser Umgang mit den Tätern: Der Anspruch der Gerechtigkeit fordert hier eine harte Bestrafung und eine persönliche Verantwortungsübernahme. Das entspricht der großen Tradition der Bibel, vor allem der Propheten bis einschließlich Jesus. Gleichzeitig gehört die Botschaft von Vergebung und Barmherzigkeit zum Kern unseres christlchen Glaubens. Die Spannung zwischen diesen beiden Seiten wird uns in dieser Frage bis zu Zerreißproben herausfordern. Aber wir werden Wege finden müssen, auch dauerhaft mit Tätern umzugehen.

Das vierte ist der Schutz der Kinder und Jugendlichen in unseren Gemeinden: Hier ist Prävention inzwischen seit vielen Jahren ein großes Thema und dies wird bis zu ganz praktischen Fragen bei unseren Veranstaltungen auch dauerhaft unsere Verantwortung sein. In der Wachheit für diese ernsten aktuellen Fragen wünscht Ihnen allen eine gesegnete Passions- und Osterzeit. 

Ihr Pfarrer Michael Gehrke