I. Kurze Darstellung der Evangelisch-Lutherischen Johanneskirchgemeinde Dresden-Johannstadt-Striesen

Die Evangelisch-Lutherische Johanneskirchgemeinde Dresden-Johannstadt-Striesen gibt es seit dem 01. Januar 2000. Sie ist durch Fusion zweier Gemeinden, der Trinitatisgemeinde und der Erlöser-Andreas-Gemeinde, entstanden. Die Erlöser-Andreas-Gemeinde ist nach der Zerstörung Dresdens ebenfalls durch Zusammenschluss entstanden.

Die Erlösergemeinde ist die älteste von den Dreien und hat ihren Ursprung in der Prager Salvatorgemeinde. Im Dreißigjährigen Krieg nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg (1620) und der Hinrichtung der Kirchenältesten in Prag wanderten böhmische protestantische Christen nach Sachsen aus. Die böhmische Exulantengemeinde (Bestandteil der Erlösergemeinde) die auf Grund ihrer Satzung seit Jahren faktisch nicht mehr lebensfähig war, wurde am 31.12.1999 aufgehoben. In einer Stiftung wird das Erbe bewahrt und lebendig gehalten. Die Trinitatisgemeinde, von der sich später die Andreasgemeinde abtrennte, ist durch das schnelle Wachstum des Dresdner Ostens in den Gründerjahren ausgangs des 19. Jahrhunderts entstanden.

Alle drei Kirchen wurden am 13. Februar 1945 zerstört, die Wohngebiete fielen in Schutt und Asche und sehr, sehr viele Gemeindeglieder befanden sich unter den Opfern der Bombennacht. Die Ruinen der Erlöser- und der Andreaskirche wurden in DDR-Zeiten beseitigt. Die Trinitatiskirchruine besteht noch. Sie wurde nach der politischen Wende im Herbst 1989 mit Fördermitteln und Spendengeldern baulich gesichert und für die Gemeinde nutzbar gemacht. Die Gemeinde und der Förderverein zur Erhaltung und Nutzung der Trinitatiskirchruine e.V. kümmern sich darum, dass neues Leben in das himmeloffene Kirchenschiff, die beiden ausgebauten Kapellen und die Kellerräume einkehrt. Im Turm hat seit 1994 die Sozialdiakonische Offene Jugendarbeit ihr Domizil.

So kann das Kirchenschiff, in dem auch Bäume wachsen, als Gottesdienstraum, als Konzertraum und auch als Sportplatz für die Jugend genutzt werden. Es kann zwar hineinregnen, aber es können auch viele Sonnenstrahlen und der Sternenhimmel den Gottesdienst schmücken. Und in welcher Kirche können sich die Hirten Heiligabend am Lagerfeuer wärmen? Stolz ist die Gemeinde auch auf den gemeindeeigenen Kindergarten und dankbar dafür, dass er im Jahr 2001 umgebaut und erneuert werden konnte und nun den Jüngsten ein schönes zweites Zuhause sein kann.

Die Situation der Johanneskirchgemeinde ist also besonders dadurch gekennzeichnet, dass sie eine große Gemeinde (die zweitgrößte Sachsens) mit zwei Predigtstätten ist und außer der Trinitatiskirchruine keinen Raum für Gesamtgemeindeveranstaltungen hat, der Gemeinde viele ältere Gemeindeglieder angehören und sie in einem säkularen Umfeld, das keine Bindung zur christlichen Gemeinde hat, existiert. Mit den Pfarrern und Pfarrerinnen, ihren Mitarbeitern und einem Kern engagierter ehrenamtlicher Helfer gibt es in den zwei Gemeindehäusern und der Ruine eine lebendige vielfältige Gemeindearbeit.

Aktuelles und mehr über die Gemeinde kann man im Internet unter www.johanneskirchgemeinde.de/ erfahren.

II. Entstehung und Entwicklung der Ökumene in den beiden Gemeinden

Die schrecklichen Ereignisse für Dresden und seine Bewohner durch den Bombenangriff am 13. Februar 1945 hatten zum einen dazu geführt, dass den meisten Gemeinden viele Gemeindemitglieder und nahezu sämtliche Kirchenbauten verloren gingen. Zum anderen aber rückten die Christen unterschiedlicher Konfessionen – zunächst aus der Not heraus – zusammen und gewährten einander bereitwillig Unterstützung.

So waren die evangelischen Christen in Johannstadt und Striesen vollständig ihres Gemeindezentrums beraubt. Auch die katholische Herz-Jesu-Gemeinde hatte ihre Gemeinderäume verloren. Wie durch ein Wunder hatte jedoch das Kirchengebäude das Bombardement und den Feuersturm nahezu unbeschadet überstanden. Dieses konnte rasch wieder instandgesetzt und für Gottesdienste genutzt werden.

So wurde der nach Kriegsende fusionierten Erlöser-Andreas-Gemeinde in den Folgejahren bis Ende des Jahres 1957 bereitwillig Gastrecht gewährt. Die Herz-Jesu-Kirche fungierte in diesen Jahren quasi wie eine Simultankirche. "Im Gegenzug" erhielt der Glockenturm des katholischen Gotteshauses, der wegen des kriegsbedingten Einschmelzens von Glocken kein vollständiges Geläut mehr aufwies und neue Glocken benötigte, unter anderem leihweise zur Ergänzung auch eine Glocke aus der zerstörten evangelischen Andreaskirche, die den Angriff überstanden hatte. Auch wenn diese Glocke nicht ideal in das Klangbild der anderen Glocken passte, so blieb das "ökumenische Geläut" jedoch bis 1990 erhalten.

Diese, zunächst aus einer Notlage heraus entstandene Kooperation führte dazu, dass bereits in dieser Zeit ein guter Kontakt und reger Austausch zwischen den katholischen Gastgebern und den evangelischen Gästen entstand. Hinzu kam ein enger persönlicher Kontakt des damaligen evangelischen Pfarrers Schmidt mit dessen katholischem Amtsbruder Pfarrer Derksen. Die beiden Geistlichen, die in den fünfziger Jahren die Geschicke der beiden Gemeinden leiteten, waren sich bereits aus den Kriegsjahren bekannt, da sie beide Divisionspfarrer im selben Armeekorps gewesen sind. Sie pflegten nicht nur eine gegenseitige Hochschätzung, sondern eine tiefe Freundschaft.

Diese enge Beziehung, die sich zwischen beiden Gemeinden entwickelte, war von daher eine Besonderheit, da in dieser Zeitphase ein ökumenisches Bewusstsein gemeinhin noch überhaupt nicht erwacht war, geschweige denn besonders gepflegt wurde. Von diesen Kontakten zehrten beide Gemeinden auch in den Folgejahren. Als Ende der fünfziger Jahre die evangelische Erlöser-Andreas-Gemeinde eines der ersten wiederaufgebauten Gemeindezentren erhielt, war es ebenso eine Selbstverständlichkeit, dass dieses von der katholischen Nachbargemeinde zu Veranstaltungen mitgenutzt werden konnte. Auch wenn seit dieser Zeit die evangelischen Sonntagsgottesdienste einen eigenen gottesdienstlichen Ort erhielten, so wird bis in die Gegenwart die katholische Herz-Jesu-Kirche für die jährlichen Konfirmationsgottesdienste zur Verfügung gestellt und wurde bis in die achtziger Jahre hinein auch für eine Weihnachtsvesper genutzt.

Eine weitere ökumenische Blütephase entwickelte sich in den achtziger Jahren. Insbesondere unter den beiden Pfarrern Luckhaupt (Herz-Jesu-Gemeinde) und Fleischhack (Erlöser-Andreas-Gemeinde) bekamen die ökumenischen Kontakte nochmals eine kräftige Belebung. Da sich die beiden Geistlichen bereits aus gemeinsamen Schulzeiten kannten und schätzten, knüpften sie auch während ihrer Amtszeiten an diese guten persönlichen Kontakte an. So treffen sich seitdem einmal jährlich unter wechselnder Gastgeberschaft die Pfarrer der evangelischen Gemeinde nebst Ehefrauen mit dem katholischen Pfarrer und der Gemeindereferentin zu einem gemeinsamen Gesprächsabend. Es wurden in dieser Zeit regelmäßige gemeinsame Gemeindeausflüge (z.B. Dampferfahrten auf der Elbe mit Gottesdiensten auf dem Schiff; Straßenbahnsonderfahrt), eine gemeinsame Rüstzeit, gemeinsame Aschermittwochsgottesdienste zur Einstimmung auf die Buß- bzw. Fastenzeit und von den Jugendlichen der Gemeinden ein gemeinsames Taizégebet organisiert. Viele Jahre lang war auch ein ökumenisches Frühlingsfest fester Bestandteil des ökumenischen Jahresprogramms.

In dieser Zeit fanden auch die ersten gemeinsamen Sitzungen der Kirchenvorstände der evangelischen sowie des Pfarrgemeinderats der katholischen Gemeinde statt. Der Kontakt erhielt dadurch auch eine politische Dimension, dass seit 1982 ein Friedenskreis bestand, der maßgeblich von den Pfarrern Albrecht (Trinitatisgemeinde) und Luckhaupt (Herz-Jesu-Gemeinde) initiiert und geleitet wurde. Diese Gruppierung spielte im Herbst 1989 eine maßgebliche Rolle beim gewaltfreien Übergang von der SED-Diktatur zur Demokratie.

Die Veränderungen Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre führten dazu, dass die Gemeinden sich zunächst nach innen hin ordnen mussten. In dieser Zeit wurde jedoch durch engagierte Laien das ökumenische Band dadurch weitergepflegt, dass 1992 ein Ökumenekreis gegründet wurde, der sich aus Mitgliedern beider Gemeinden zusammensetzt. Seine Tätigkeit stellte der bis heute bestehende Kreis unter das Leitwort "Gemeinsam beten, gemeinsam handeln, gemeinsam feiern." Eine Neubelebung der Ökumene setzte Mitte der neunziger Jahre durch die beiden Pfarrer Weismann (Erlöser-Andreas-Gemeinde) und Swoboda (Herz-Jesu-Gemeinde) ein, die auch unter den jetzt amtierenden Pfarrern und von den Leitungsgremien der Gemeinden nach wie vor fortgesetzt und gepflegt wird.

III. Darstellung der derzeitigen ökumenischen Kooperation der beiden Gemeinden

Aufbauend auf der mittlerweile mehr als fünf Jahrzehnte lang gewachsenen gemeinsamen ökumenischen "Tradition" der beiden Dresdner Stadtgemeinden sind nun eine ganze Reihe von festen Ereignissen und Begebenheiten gewachsen, die als Zeichen für lebendige Ökumene bei den Mitgliedern der einzelnen Gemeinden tief verwurzelt sind.

1. Jährliche gemeinsame Sitzung der Kirchenvorstände der Evangelisch-Lutherischen Johanneskirchgemeinde Dresden-Johannstadt-Striesen und der Mitglieder des Pfarrgemeinderates der Katholischen Herz-Jesu-Gemeinde Dresden-Johannstadt

Seit mehreren Jahrzehnten findet eine gemeinsame Sitzung der Kirchenvorstände der Evangelisch-Lutherischen Johanneskirchgemeinde Dresden-Johannstadt-Striesen (vormals Erlöser-Andreas-Gemeinde und Trinitatisgemeinde) und der Mitglieder des Pfarrgemeinderates der Katholischen Herz-Jesu-Gemeinde Dresden-Johannstadt statt. Gastgeber ist jeweils im jährlichen Wechsel einmal die evangelische und einmal die katholische Gemeinde. Nach einem gemeinsamen Rückblick auf die ökumenischen Veranstaltungen des zurückliegenden Jahres werden Vorhaben und Planungen für die kommenden 12 Monate abgesprochen und koordiniert.

Im folgenden werden die wichtigsten Beispiele für gemeinsame Veranstaltungen dargestellt:

2. Gemeinsames Gedenken des Reformationstags am 31. Oktober

Seit dem Jahre 1994 wird der Reformationstag mit einem gemeinsamen Gottesdienst der beiden Gemeinden bedacht. 

Seit 1999 leiten die Pfarrer der Johanneskirchgemeinde und der Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde den Gottesdienst gemeinsam. Die gottesdienstliche Gemeinde versammelt sich zu Beginn in der katholischen Herz-Jesu-Kirche. Dort wird nach der Begrüßung der Gläubigen, einem Lied und dem Kyriegebet zum Wortgottesdienstteil übergeleitet. Nach der Lesung, die gleichzeitig Predigtgrundlage ist, und dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis schließt sich die Predigt an, die im jährlichen Wechsel einmal von einem der evangelischen Pfarrer und im Folgejahr von dem katholischen Pfarrer gehalten wird. Nach einem weiteren Lied wird die gottesdienstliche Gemeinde zur Teilnahme an einem gemeinsamen Prozessionsweg hin zur etwa einen Kilometer entfernten Kirchruine der evangelischen Trinitatiskirche eingeladen.

Es schließt sich eine Prozession an, angeführt durch Ministranten der Herz-Jesu-Gemeinde (ausdrücklich von der evangelischen Gemeinde gewünscht!) und die beteiligten Pfarrer, gefolgt von den anwesenden Gläubigen. Dieses gemeinsame Unterwegssein in den Dresdner Stadtteilen Striesen und Johannstadt wird in der Öffentlichkeit als eindrucksvolles Zeichen gelebten Christseins und lebendiger Ökumene wahrgenommen.

Es schließen sich Fürbittgebete und das Vaterunser an. Der Gottesdienst endet mit einem weiteren Lied und dem gemeinsamen Segen der Pfarrer.

Nach dem Abschluss des Gottesdienstes bleiben die Mitglieder der beiden Gemeinden zu einem gemeinsamen Ausklang auf dem Gelände der Trinitatisruine beieinander.

Es besteht ferner die Möglichkeit zu einem gemeinsamen Kaffeetrinken, bei schlechtem Wetter in den Räumlichkeiten unter dem Chorbereich der Trinitatisruine oder bei gutem Wetter im Freien.

3. Gebetsabend für die Einheit der Christen

Alljährlich im Januar findet der vom gemeinsamen Ökumenekreis der beiden Gemeinden vorbereitete Gebetsabend für die Einheit der Christen statt. Gastgeber ist im Wechsel die Katholische Herz-Jesu-Gemeinde bzw. die Evangelisch-Lutherische Johanneskirchgemeinde. Im Rahmen einer Andacht nehmen sich die anwesenden Mitglieder beider Gemeinden der Anliegen der Ökumene und der Gesamtkirche an.

4. Gemeinsame Faschingsfeier

Bereits seit mehreren Jahren wird im Gemeindehaus der Herz-Jesu-Gemeinde ein thematischer Faschingsabend veranstaltet. Der "Elferrat" ist aus Mitgliedern beider Gemeinden zusammengesetzt. 

5. Konfirmationsgottesdienst

Noch aus den Nachkriegszeiten, in denen die katholische Herz-Jesu-Kirche quasi als Simultankirche Verwendung gefunden hatte, stammt die Tradition, dass die Evangelische Johanneskirchgemeinde (vormals Erlöser-Andreas-Kirchgemeinde) den festlichen Konfirmationsgottesdienst im katholischen Gotteshaus feiert. Die katholische Gemeinde stellt dafür ihre Kirchräume sehr gerne zur Verfügung.

6. Ökumenischer Wandertag

Ebenfalls im 2-Jahres-Turnus wird vom Ökumenekreis für Mitglieder beider Gemeinden ein gemeinsamer Wandertag mit darin integrierter oder sich anschließender Andacht geplant und durchgeführt. Weiter gibt es eine "Rucksackwandertruppe" die offen ist für beide Gemeinden.

7. Bibelwoche

Eine ursprünglich aus der Tradition der evangelischen Gemeinde entstammende und jeweils im Frühjahr stattfindende Bibelwoche wird nunmehr seit mehreren Jahren dadurch teilweise ökumenisch gestaltet, dass zumindest eine der Veranstaltungen im Gemeindehaus der Herz-Jesu-Gemeinde (mit einem Referenten aus der evangelischen Gemeinde) stattfindet und eine weitere Veranstaltung im evangelischen Gemeindehaus von dem katholischen Gemeindepfarrer geleitet wird.

8. Sonstiges

Traditionell erhält die Evangelische Johanneskirchgemeinde im Rahmen der Auferstehungsfeier am Morgen des Ostersonntags von einem Gemeindemitglied der Katholischen Herz-Jesu-Gemeinde als Geschenk eine geweihte Osterkerze überreicht.

Ökumenekreis