Das Gesicht Gottes
Liebe Gemeinde,
der kleine Vincent hat das erste Schuljahr begonnen. Während des Unterrichts fing er ganz plötzlich an zu weinen. Er schien untröstlich.
Die Lehrerin wollte den Grund seines Kummers wissen. Schluchzend brach es aus ihm heraus. „Ich habe vergessen, wie meine Mama aussieht.“ Die Kinder lachten. Doch die Lehrerin war wohl eine gute Pädagogin. Sie wusste Rat und schickte den kleinen Vincent nach Hause, um nachzusehen, wie das Gesicht seiner Mutter aussah. Danach kam er zurück und malte wieder Buchstaben, einen schöner als den anderen.
Mich hat der Junge nachdenklich gemacht. Welch innige Liebe verband ihn mit seiner Mama. Doch ob klein oder groß, Liebe geht immer so: Ich verliebe mich. Dann ist alles an dem anderen wichtig. Ich lerne den anderen auswendig, sein Gesicht prägt sich nach und nach ganz tief in meiner Seele ein. Ich bin dann nicht mehr abhängig davon, ob und wie der Geliebte bei mir ist, weil er immer mehr in mir ist. Die Liebe gewinnt ein bleibendes Glück.
Mit Gott und uns geht das nicht anders. Wenn wir ihn lieben, dann werden wir ihn auch immer mehr auswendig lernen. Zug um Zug seines Gesichtes wird sich uns einprägen. Irgendwann werden wir sein Gesicht in uns haben und bleibende Freude an Gott empfinden. Bis dahin kann es uns oft gehen wie dem kleinen Vincent: Das Gesicht des Geliebten - Gott und Mensch - vergessen zu haben. Hat Ihnen das schon mal wehgetan wie dem Vincent? Und was taten Sie da? Natürlich, dann muss ich mich bemühen, in der Stille des Herzens es wiederzufinden. An Weihnachten können wir das Gesicht Gottes neu schauen, damit die Liebe wachsen kann.
Wissen Sie noch, wie das Gesicht Gottes aussieht?
Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Zeit
Ihr Pfarrer Bernhard Gaar


